Tipps für mehr Sicherheit im Straßenverkehr für Motorradfahrer


Verkehrsunfall mit Motorrad

Schon häufig kam ich als Erst- bzw. Zweithelfer an Unfallstellen, bei denen ein Motorrad und ein Auto beteiligt waren.
In der Hauptsache waren Vorfahrtsmißachtungen die Unfallursache.
Was mir aber auch aufgefallen war ist, daß oft Bremspuren des Motorrades weit vor dem Unfallort in einem Haken endeten und kurz darauf Schleif- und Kratzspuren von dem z.B. auf der Seite rutschendem Motorrad deutlich zu erkennen waren.

Sturz vor dem Aufprall!

Tatsache ist, daß jeder Mensch in Panik reflexartig und dadurch zumindest im ersten Moment ohne Gefühl reagiert.
Beim Auto hat man dieses Problem vor vielen Jahren erkannt und mit den Einbau von ABS behoben. (Autos fallen aber auch beim Bremsen nicht um). Autos können also auch mit ständig blockierenden Rädern noch einigermaßen gut verzögern.

Der Motorradfahrer reagiert in der für ihn ausweglos erscheinenden Situation "menschlich", also nicht situationsgerecht. Im ersten Moment betätigt jeder logischerweise voll die Bremshebel. Bei den heutigen Motorrädern reicht aber auch oft bei ca. 100 km/h oder schneller die Kraft eines Fingers am Hebel, um die Räder zu blockieren. Du gehst aber im ersten Moment mit der Kraft eines Ertrinkenden "in die Eisen" (jeder Wasserwachtler wird Dir erklären, was ich damit sagen will).
Wenn Du nicht blitzartig korrigierst und die Bremse wieder los läßt, ist in Geschwindigkeitsbereichen, in denen Du meist unterwegs bist, der Sturz unvermeidbar und wertvoller Raum, der noch zum Bremsen zur Verfügung stehen würde verloren.


Aber wer läßt die Bremse schon locker, wenn er den Unfallgegner immer näher kommen sieht?

Wie kannst Du Dir selbst helfen?

Du mußt zuersteinmal wissen, wieviel Platz Du wirklich brauchst! Auf unseren MS²-Sicherheitstrainings stellt sich immer wieder heraus, daß die Teilnehmer keine Ahnung von ihrem eigenen Bremsweg haben.
Sie sind total überrascht, wie kurz oder lang ihre Bremsleistungen im Training sind.

Du mußt unbedingt messen!

Eine Unfallsituation kannst Du nur dann richtig einschätzen, wenn Du weißt, wieviel Platz Du wirklich brauchst. (das auch bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten). Stell Dir die Frage gleich selbst - weißt Du die Antwort? Also suche Dir eine geeignete Bremsstrecke, nimm Dir jemanden mit, der genau aufpaßt, zum Einen, damit nichts passiert und zum Anderen, damit er Dir sagen kann, wo Du mit dem Bremsen begonnen hast.

  
Mache keine verrückten Bremsungen (sogenannte Vollbremsungen), sondern bremse Dein Motorrad so ab, daß Du Dich gerade noch wohl fühlst und messe den Bremsweg genau ab. Das ist der Bremsweg, den Du sofort und ohne Übung erreichst, der aber auch nicht zum Sturz führt und somit verwertbar ist. Dieser Bremsweg ist individuell. Schreibe Dir Deine Bremsleistungen auf und probiere das in (sofern möglich) allen Geschwindigkeitsbereichen, mit denen Du normalerweise unterwegs bist.

Dann mußt Du noch etwas machen: Stelle Dein Motorrad auf den Ständer, nimm das Maßband und z.B. Deinen Helm, stelle diesen an den Punkt, an dem Du zum Stillstand kommst.

Dein Bremsweg z.B. bei 70 km/h war 25 Meter. Setze Dich wieder auf Dein Motorrad und präge Dir die Entfernungen genau ein und versuche diese dann beim Fahren zu übertragen. Eine tolle Übung und Du wirst erkennen, wie schwer oft das Einschätzen von Entfernungen ist. Dies ist auch der Grund für oft total überzogene Panikbremsungen. Klar, daß Du noch Deinen Reaktionsweg berücksichtigen mußt. Der ist abhängig von Deiner Aufmerksamkeit. Das heißt, wenn Du z.B. auf eine Kreuzung zufährst und schaust dabei ins nächste Schaufenster, bist Du garantiert "fällig"; rechnest Du aber von vornherein mit einem Vorfahrtsmißachter, wird sich Deine Reaktionszeit erheblich verkürzen.

Ob Du nun einen guten Bremsweg hast (kurz) oder nicht, das ist jetzt egal!

Wenn Du Deine Fahrgeschwindigkeit Deiner Leistungsfähigkeit entsprechend wählst, bleibt Dir der Raum, den Du zur Unfallvermeidung brauchst.

Nur wenn Du weißt, daß der Anhalteweg ausreicht, ist eine Panikbremsung vermeidbar. Diese Übungen sind für Fahrer von ABS-Motorrädern genauso wichtig. Diese haben aber den großen Vorteil, daß sie immer gefahrlos voll "in die Eisen" gehen können, solange das System funktioniert. Jedoch sind ABS-Ausfälle durch Kontrollampen am Motorrad erkennbar und auch äußerst selten. Nicht vergessen: ABS-Motorräder stehen auch nicht sofort.

ALOIS RAUSCH