Das etwas andere Tagebuch - von Josef Krautscheid

Es gibt die Kursbeschreibung! Es gibt auch die ein oder andere Schilderung von Absolventen, die dieser Kursbeschreibung erstaunlich ähneln. Da muß doch auch mal einer erzählen, wie es jemand erlebt hat, der nicht wie der italienische Megastar Valentino Rossi auf dem Zweirad rumturnt - schlicht, weil er es nicht kann!
Interessanterweise komme ich allerdings zum Schluß auf ein ähnliches Ergebnis wie die oben Genannten. Nein, nicht wie Valentino, sondern wie die "perfekten Absolventen"! Ohne zuviel vorwegzunehmen, ist dieses Phänomen zweifellos auf die hervorragend durchdachte Struktur des Trainings, die perfekte Beobachtung des Könnens der Teilnehmer, gepaart mit der großen Erfahrung und Motorradbeherrschung des Trainers zurückzuführen. Aber fangen wir vorne an - nein: ganz vorne!

Als ich damals mit 24 Jahren mein 250-er Bike verkaufte, um mich anderen "Hobbys" zuzuwenden (Sammelbegriff: "Familie"), war das: "Vielleicht später wieder" so weit weg und nebulös wie das Vertrauen auf einen Sechser im Lotto.
Heute, 30 Jahre später, bin ich seit kurzem stolzer Besitzer einer technischen Weiterentwicklung des Mopeds von früher, die mit "Vervierfachung von Leistung und Hubraum" nur äußerst unzureichend beschrieben wäre. Und noch viel größer ist der Unterschied von meinem Können zu dem meiner Maschine in jeder Hinsicht, sei es technisch, die Sicherheit betreffend oder sei es einfach nur die Kraft aller Systeme "an Bord". Genug der Vorrede. Das mußte aber sein, um die Erlebnisse und Gefühle der fünf Tage in und um Steinhöring richtig einorden und wirken lassen zu können.

Tag 1

Die lässig aus dem Hänger gerollten MS²-eigenen Enduros sollen warmgefahren werden, mit Standgas im Ersten. Der Untergrund im Gelände ist nach einer feuchten Nacht noch etwas rutschig bis enorm glitschig. Nicht wirklich, aber mein Popometer registriert jeden Mikrometer Abweichung vom Kurs. Ich umklammere den Lenker mit dem Mut der Verzweiflung, wild entschlossen, die Maschine auf den rechten Pfad zurückzuzwingen, falls mir das Monster unter dem Hintern davonzugaloppieren droht - 230cm³ mit Standgas im Ersten!
Nach ca.15 Minuten holt Alois mich (und die 4 KollegInnen) wieder auf die Erde zurück. "Oje, Ihr seht aus - Ihr macht eine Figur, grässlich! Aber des kriag'n mer scho!" Den Rest des Tages und den Vormittag des zweiten Tages in vielen kleinen Übungseinheiten (Kreis links, Kreis rechts, Kreis am Lenkanschlag, Acht, Stehenbleiben, Anfahren nach links, nach rechts, am Berg u.v.m) wird mir bewusst, wie schwer es eigentlich ist, g'scheit langsam zu fahren. Gleichgewicht und Balance sind keine Zauberei. Und seit ich versuche, mit je zwei Fingern auf dem Lenker Klavier zu spielen, statt aus der Lenkstange ein "auf dem Kopf stehendes U" zu formen, lösen sich auch die Krämpfe in den Armbeugen wie von Geisterhand. "Den Oberkörper beim Gasgeben nach vorne und beim Bremsen zurück - eins werden mit der Maschine" trainiere ich dann noch in einer Zusatzeinheit über Nacht - wurde mir jedenfalls aus vertraulicher Quelle berichtet!
Motorrad Training Grundübung im Gelände

Tag 2

Honda HM CRF 230 Easy
Eigentlich schade - wir verlassen das Gelände und die zahmen, geduldigen Enduros. Alois katapultiert sie über die Rampe in den Hänger. Mein Mitschüler M. nimmt mir die Worte aus dem Mund: "Wenn ich ein passendes Gelände wüsste, würd' ich mir direkt so'n Ding kaufen - so ein Spaß!" Bevor ich: "Genau" antworte, schießt mir durch's Hirn, ob das sein kann, dass ich vor nicht mal 30 Stunden dieses ungelehrige Monster am liebsten in den oberbayerischen Wald geschmissen und Alois erklärt hätte: "Sie war auf einmal einfach weg!"
Auf der Fahrt zum nahen Kart-Übungsplatz zum Schräglagentraining versuche ich, die unglaubliche Fülle an Tipps und Informationen von Alois im Kopf zu sortieren und irgendwie zu speichern. Manchmal sagt er: "Iss wichtig!" Nein, das sagt er oft! Vielleicht merk ich es mir nur dann? Nein, iss ja alles wichtig! Nach Tag 5 habe ich dann den Schlüssel gefunden, es mir zu merken. Ist eigentlich ganz einfach - aber dazu später mehr!
Die Schräglagen-Suzuki ist ein irres Teil. Und Alois ist sichtlich stolz auf diese Kreation und die inzwischen hohe Ausbaustufe. Kann er auch sein! Ich würde angesichts meiner Fahrkünste auf dem Flügelinstrument (Motorradfahren hat tatsächlich viel mit dem Klavierspielen gemein) von einer Zeitreise sprechen. So dämlich ich mich zu Beginn anstellte, so vergleichbar ist der Spaß am Ende des vierten Tages zum Endurofahren im Gelände. Körperbeherrschung und Fahrphysik, Kreiselkräfte und Lenkimpuls: So spielerisch leicht den Umgang mit Motorrad und den Kräften zu er"fahren", das ist einfach genial. Und dabei ohne Gefahr, ja ohne Schrammen umfallen zu können, ... die Barrieren existieren nur im Kopf! Sonjas ohnehin leckerer Kuchen schmeckt noch mal so gut, wenn die Übungen funktionieren!
5 Tages Motorrad Training Fürholzen Motorradtraining Schräglage

Tag 3 und 4

MS2 patentierter Motorrad Schräglagentrainer Honda HM CRF 230 Easy
Der abgesperrte Firmenparkplatz in München Südosten gehört uns. Bei geschätzten 694 durchfahrenen Achten heißt das Motto ein ums andere Mal: "Kopf drehen", "Kette auf Zug halten - und Gas". "45 Grad Schräglage als Reserve für das harte Leben außerhalb von abgesperrten Firmenparkplätzen - das muß bei jedem sitzen!" Bei unserer Jüngsten sitzt es bereits recht bald - "die Jugend gibt ihr wohl das Recht!" Recht hat auch der Alois! Natürlich hat er Recht!

Als ich die Übung nicht mehr als Übung ausführe, sondern als ein Stück Fahrtechnik selbstständig fahre, schnackelt's im Hirn und plötzlich geht's! Währenddessen schleift Alois in perfekter Hang-off-Technik zwei Stücke Hartschalen-Kniepads über den Münchner Teer, spricht von Sensoren und deutlich höherer Kurvengeschwindigkeit. Plötzlich sehe ich im Geiste Kevin Schwantz in seinem weißen Leder mit der Nummer 34. So nah dran am einstigen Idol? Himmel und Erde scheinen sich zu berühren! Die Muffins, die Sonja diesmal mitgegeben hat, verschwinden so schnell wie die Stunden dieser beiden Tage. Wieder hat der Zeitraffer zugeschlagen. Unmögliches beginnt der Normalität Platz zu machen! Was fehlt, ist die Übung! Zuhause in Steinhöring sehen und hören wir einiges zu alltäglichen Situationen und zur richtigen Kleidung! Tja, ich werde das Gefühl nicht los, das Timing von Kurs und Klamottenkauf hat bei mir nicht ganz gestimmt. Dass es meinen Mitstreitern genauso geht, tröstet da nicht wirklich. Aber eins schwöre ich mir: Zum nächsten Einkauf nehme ich mir 'nen Hammer mit!


Tag 5
Bremstechnik und noch ein paar andere Gemeinheiten des täglichen Motorradlebens auf der eigenen Maschine. Unweit von Steinhöring. Ein markiertes, schnurgerades Stückchen Gemeindestraße wird von uns mit schwarzen Strichen angemalt. Nicht durchgehend, eher wie Morsezeichen, denn wir haben ja alle ABS (Alois ist begeistert!). Auch nicht sofort, denn zuerst brauche ich fast die ganze Straßenlänge, um zum Stehen zu kommen - zumindest kommt es mir so vor. "Iss normal, das ist der Verkehrswert!" Wenn ich es schaffe, den Hebel abzubrechen, verspricht mir Alois 50Euro. Ist natürlich Spaß - ich will ja auch nur zum Ausdruck bringen, dass mir die Teile irgendwie leid tun. Nach einem guten halben Tag bremse ich an der Grenze des physikalisch Machbaren - mit stempelndem Hinterrad! Da ist er wieder - der Zeitraffer! Ob ich noch zur MotoGP nachmelde? Nein, Rossi, Stoner &Co. haben bereits zuviel Vorsprung!
Wir hören und sehen dann noch was über so manchen Unsinn bei Vollbremsungen und Ausweichmanövern, fahren tote Pylonen vollends tot, merken es aber kaum und wir sind uns eigentlich einig, dass wir uns bei dem ein der anderen Kurs sicher mal wiedersehen, 3 Tagekurs, 1 Tag Schräglage, vielleicht auch Rijeka. Als dann auch noch der Himmel zu weinen beginnt, dass die fünf Tage schon vorbei sind, fahren wir zum ersten Mal für heute gemeinsam los - nach Hause!
Motorrad Bremsübung mit ABS Motorrad Bremsübung mit Hindernis

Schlusswort
Die fünf Tage waren so lehrreich, so sinnvoll investiert wie lange nichts mehr! Die Erfolge waren so greifbar wie schnell er"fahren". Die Informationen und Tipps so zahlreich wie die Zahl der Worte unseres Instruktors. Und doch lässt sich "die Botschaft" in wenigen Schlüsselworten zusammenfassen:

  • Locker sein und bleiben, um jederzeit handlungsfähig sein zu können.
  • Respekt vor den Kräften und der Physik, aber niemals Angst zulassen
  • Vorausschauend planen, fahren, handeln
  • Ich habe Zeit, bestimme immer Zeit und Raum
  • "Schussfest werden" (erst mach ich "mein Ding" - dann kümmere ich mich um die Querschläger)

Das gilt es zu automatisieren und ständig zu üben, üben, üben, bis es in Fleisch und Blut übergegangen ist. Motorradfahren ist ein geiles Hobby! Danke, MS² - wir sehen uns!

Josef Krautscheid